Ein Baum aus der Göhrde

Über Trauben-Eichen in unserem Landkreis

Die Trauben-Eiche (Quercus petraea Liebl.) im Landkreis Lüchow-Dannenberg

Von Hans-Jürgen Kelm, Grippel

Als „Baum des Jahres 2014“ hat das gleichnamige Kuratorium die Trauben-Eiche ausgewählt. Dies soll Anlass zu einer näheren Betrachtung der Eichen in unserem Raum sein.
Niedersachsen liegt innerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes zweier Eichenarten, der Stiel- und der Trauben-Eiche (Quercus robur und petraea). Als dritte Art finden wir die nordamerikanische Rot-Eiche (Quercus rubra), die seit über 100 Jahren forstlich angebaut wird und sich bei uns inzwischen auch natürlich verjüngt. Eine dritte mitteleuropäische Art, die Flaum-Eiche (Quercus pubescens), kommt nur in den Trockengebieten Ost- und Süddeutschlands vor.

Zwar kennt so ziemlich jeder „Eichen“, doch ist die Unterscheidung der beiden heimischen Arten gar nicht so einfach. Typische Bäume kann man an mehreren Merkmalen unterscheiden:

Namensgebendes Unterscheidungsmerkmal ist die Anordnung der Früchte: Die Eicheln der Trauben-Eiche sind ungestielt und sitzen zu mehreren eng beieinander ähnlich einer Traube. Stiel-Eicheln dagegen wachsen einzeln oder zu mehreren an einem mehrere Zentimeter langen Stiel.

Anders die Blätter: Die der Trauben-Eiche sind länger gestielt als die der Stiel-Eiche, deren Blattstiel oft nur zwischen 0,5 und 1 cm lang ist. Das Stiel-Eichenblatt hat am Blattgrund oft deutlich ausgeprägte „Öhrchen“ und ist meistens unsymmetrischer aufgebaut als das der Trauben-Eiche. Abgefallenes Laub der Trauben-Eiche hat auf der Unterseite einen leicht violetten Anklang im Braunton, der der Stiel-Eiche fehlt.

Oft wirken Trauben-Eichen auch im Reisig feiner verzweigt und etwas weniger knorrig als Stiel-Eichen. Die Rinde alter Bäume ist seltener so tiefrissig wie die der Stiel-Eiche.

Verbreitung in Lüchow-Dannenberg

Die Trauben-Eiche ist die Eiche der Geest. Die floristische Datenbank des Botanischen Arbeitskreises für den Landkreis Lüchow-Dannenberg zeigt ausgedehnte Vorkommen in einigen Waldgebieten auf der von grundwasserfernen kiesig-sandigen, teils auch sandig-lehmigen Standorten geprägten Osthannoverschen Endmoräne. Verbreitungsschwerpunkte sind die Göhrde, der Raum um den Hohen Mechtin und die Konau mit angrenzenden Wäldern im Raum Vaddensen und westlich Clenze. Nördlich der Göhrde sind die Klötzie zwischen Hitzacker und Tießau und die Lissa südöstlich Neu Darchau die wichtigsten Trauben-Eichen-gebiete. An den Nordhängen des Höhbecks gibt es ebenfalls größere Trauben-Eichen-vorkommen. Die Bestände in der Lucie und bei Langendorf sind z. T. durch Pflanzungen begründet. Stiel-Eichen kommen hingegen im gesamten Kreisgebiet vor. Ihr Schwerpunkt liegt in den Fluss-Niederungen, sie werden jedoch seit langem auch auf trockeneren Standorten gepflanzt.

Waldgeschichte

Im heute von ausgedehnten Wäldern geprägten Drawehn haben noch vor wenigen Jahrhun-derten weitläufige Heideflächen das Landschaftsbild geprägt. Die Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Zeitraum von 1776 – 1781 dokumentiert den damaligen Zustand. Während es in der Niederung von Jeetzel, Dumme und Lüchower Landgraben damals bedeutend größere Waldgebiete als heute gab – allein im Bereich der Lucie zwischen der Langendorfer Geestinsel und Lüchow sind seither rd. 3000 ha Wald verschwunden – war der Drawehn in weiten Teilen entwaldet. Nur 20 % der heutigen Waldfläche (etwa 5000 ha) hatten hier die mittelalterliche Phase der Waldverwüstung überdauert, meist unter dem Schutz feudaler Herrscher.

Das größte alte Waldgebiet des Drawehn ist mit rd. 4500 ha die Göhrde, einer der größten historisch alten Wälder des niedersächsischen pleistozänen Tieflandes überhaupt. Die Göhrde war schon im Mittelalter „Leibgehege“ der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg (Prüser 1969). Eine zur Zeit der Kurhannoverschen Landesaufnahme angefertigte Forstkarte (Archiv Forstamt Göhrde) zeigt nähere Einzelheiten zum Waldzustand der Göhrde: Damals wurden rd. 4000 ha als Laubwald genutzt, 480 ha davon waren Jungbestände (Gehäge) und mindestens 2500 ha lichter Hutewald. Vorherrschende Baumart war die Trauben-Eiche, daneben kamen auch Buchenbestände (Fagus sylvatica) und bereits 1776 etwa 470 ha Nadelwald (Wald-Kiefern Pinus sylvestris und Fichten Picea abies) vor. Die Eichen und Buchen hatten große Bedeutung für die bäuerliche Landwirtschaft der umliegenden Orte. Jedem Dorf waren genau bezeichnete und mit flachen Gräben markierte Abschnitte, so genannte „Kabel“ der äußeren Göhrde zur Waldweide bzw. zum Vieheintrieb zugewiesen. Für die Dorfbevölkerung war außerdem die Eichel- und Bucheckernmast für den Schweineeintrieb im Herbst sehr wichtig. Damit die Eichen möglichst viele Eicheln produzierten, pflanzte man sie früher in weiten Verbänden. So bildeten sich schon früh große, gut besonnte Kronen. Allerdings wurden bereits damals auch in der Göhrde vereinzelt Stiel-Eichen gepflanzt, da sie etwas größere Früchte bilden. Das Weiderecht hatte Vorrang vor der Holznutzung. Frucht tragende Bäume durften nicht geschlagen werden (Prüser 1969).
Es ist kein Zufall, dass die Göhrde als Waldgebiet die spätmittelalterliche Waldverwüstungs-zeit überdauern konnte. Vor 1450 hatte es mehrere Siedlungen in der Göhrde gegeben. Bekannt sind noch die Namen „Wiekau“, „Groitz“ oder „Kreutz“ und „Loitz“ – daher die „Lissauer Berge“ (Prüser 1969). Der Mangel an oberflächennahem Grundwasser dürfte ein Grund für die Aufgabe der Siedlungsplätze gewesen sein (Brauer, mdl. Mitt.).

Das jagdliche Interesse der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und später des Hannoverschen Königshauses hatte die Göhrde vor der Holzplünderung und später vor der vollständigen Umwandlung in produktiveren Nadelwald bewahrt. Die Mast tragenden Eichen behielten auch nach Ablösung des Waldweiderechts 1885 ihre Bedeutung. 1850 war die Göhrde ein Gatterrevier geworden, die hohen Wildbestände mussten ernährt werden. Über Jahrhunderte war die Göhrde für ihre Schwarz- und Rotwildvorkommen (Sus scrofa, Cervus elaphus) bekannt, später auch für die hervorragende Qualität der hier gewachsenen Trauben-Eichen-Furnierstämme.
Abb. 4: Wälder im Drawehn im Jahre 1776 (Kurhannoversche Landesaufnahme)

Die Trauben-Eichen in der Göhrde

Die malerischen, rd. 300 Jahre alten Eichen im Naturschutzgebiet (NSG) „Breeser Grund“ sind Reste dieses historischen Hutewaldes. Die ältesten Göhrder Trauben-Eichen stehen im NSG „Kellerberg“. Mit fast 400 Jahren sind sie betagte Veteranen, reich an Totholz und nur noch selten vital. Hier stehen auch über 280 Jahre alte Buchen und wohl zudem mit über 170 Jahren die ältesten Moorbirken des Kreisgebietes (Brauer, mdl. Mitt.). Die nach Unterlagen des Forstamts Göhrde ältesten Buchen-Veteranen sind sogar 350 Jahre alt.
Als Nachfolger des herrschaftlichen Grundbesitzes wird der historisch alte Waldteil der Göhrde heute von den Niedersächsischen Landsforsten bewirtschaftet. Als Folge des verheerenden Orkans im November 1972, bei dem allein in Niedersachsen auf rd. 100.000 ha rd. 17 Millionen Festmeter Holz geworfen wurde, entwickelte die Landesforstverwaltung „Grundlagen für die langfristige, regionale waldbauliche Planung in den niedersächsischen Landesforsten“ (Kremser, Otto 1974) aus der 1989 die „Langfristige ökologische Waldbauplanung für die Niedersächsischen Landesforsten“ (Otto 1989) hervorging. Diese neuen Waldbaukonzepte auf standörtlicher Grundlage sind Vorläufer des heutigen Programms zur „Langfristigen ökologischen Waldentwicklung „LÖWE“. Nach Jahrzehnten mit fast ausschließlichem Nadelholzanbau investierte man nach dem großen Sturm wieder stärker in die Neuanlage von Laubwäldern. Viele der Windwurf-Flächen in der Göhrde wurden in Trauben-Eichen-Bestände umgewandelt. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde der Trauben-Eichen-Anbau unter alten Kiefern fortgesetzt.

Zur Gewinnung von wertvollem, langsam gewachsenem Trauben-Eichen-Furnierholz eignen sich die armen Geestböden besonders gut. Die Eichen benötigen bis zur Ernte 200-300 Jahre, in denen sich die Eichenwälder zu außergewöhnlich artenreichen Lebensräumen entwickeln können. So wurden seit 1972 in der Göhrde auf >400 ha neue Trauben-Eichenbestände gepflanzt oder sie entwickeln sich aus Naturverjüngung. Auf weiteren ca. 300 ha wachsen 41-140 jährige Eichenbestände, überwiegend ebenfalls Trauben-Eichen. Von landesweiter Bedeutung für den Naturschutz sind die rd. 130 ha 290- bis 400-jährigen Alteichenbestände der Göhrde, die als Relikte aus der Hutewaldzeit erhalten wurden. Sie sind fast vollständig als Habitatbaumflächen aus der Holznutzung genommen worden und artenreicher Lebensraum zahlreicher an Alt- und Totholz gebundener Organismen. Relikte aus dieser historischen Form der Waldnutzung sind u. a. Hirschkäfer (Lucanus cervus) und Eremit (Osmoderma eremita) sowie eine Population von baumbrütenden Mauerseglern (Apus apus) (Kelm 2011).
Die Ausweisung mehrerer Naturschutzgebiete in der Göhrde trägt dieser Bedeutung Rechnung: Der „Breeser Grund“, mit 42 ha der größte zusammenhängende Hutewaldrest innerhalb eines 185 ha großen NSG, sowie der 80 ha große „Kellerberg“ wurden im Jahre 1985 als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Ein weiteres Gebiet, „Wälder am Jagdschloss“ (170 ha), ist seit 2003 unter Naturschutz gestellt. Das 1998 ausgewiesene, ca. 800 ha große Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet 72 „Buchen- und Eichenwälder der Göhrde“ schließt die Naturschutzgebiete und weitere Eichen- und Buchenflächen ein. Die Erhaltung der Eichenwälder sowohl als wertbestimmender Lebensraumtyp des FFH-Gebietes (LRT 9190 – alte Bodensaure Eichenwälder auf Sandböden) als auch als Lebensraum von Hirschkäfer und Eremit sind im Managementplan und durch die Forsteinrichtung der Niedersächsischen Landesforsten gesichert. Die Alteichenbestände werden als Habitatbaumflächen ohne Nutzung erhalten. In Mischbeständen mit Buchen und Fichten wird gelegentlich durchforstet, um die lichtbedürftigen Eichenkronen vor nachwachsender Konkurrenz zu schützen.

Natürliche Waldgesellschaften

Als Baumart der grundwasserfernen Moränenstandorte konkurriert die Trauben-Eiche mit der hier ebenfalls vorkommenden Buche. Natürlichen Waldgesellschaften mit wesentlichen Anteilen der Trauben-Eiche, die sich ohne pflegende Eingriffe des Menschen langfristig halten können, scheint es bei uns nicht zu geben. Die Schattbaumart Buche ist selbst auf den ärmeren Moränen der Trauben-Eiche überlegen. Sie kann problemlos im Schatten der Eichen heranwachsen, überwächst sie und dunkelt die Eichen schließlich aus. Im Schatten der Buchen kann Eichenverjüngung nicht heranwachsen. Fehlt die Buche, bilden Trauben-Eichen relativ lichte Bestände, unter denen sich eine dichte Blaubeervegetation (Vaccinium myrtillus) entwickeln kann. Weitere Begleiter sind u. a. Draht-Schmiele (Avenella flexuosa), Pillen-Segge (Carex pilulifera), Schaf-Schwingel (Festuca ovina agg.), Borstgras (Nardus stricta), Besenheide (Calluna vulgaris), Adlerfarn (Pteridium aquilinum) und Dorniger Wurmfarn (Dryopteris carthusiana), selten auch Maiglöckchen (Convallaria majalis). Als besondere Seltenheit wachsen im Breeser Grund kleine Bestände des Echten Salomonsiegels (Polygonatum odoratum).

Eine Boden deckende Heidelbeervegetation ist eine gute Voraussetzung für eine natürliche Verjüngung der Eiche. Im Schutze der Heidelbeere kann sie keimen und einige Jahre vom Wild unbeachtet heranwachsen. Wenn Lichteinfall und der Wildverbiss es zulassen, können beeindruckende Naturverjüngungen unter alten Eichen heranwachsen. Solche Waldbilder finden sich in der Göhrde in den Naturschutzgebieten „Breeser Grund“ und „Kellerberg“ sowie außerhalb der Göhrde in der „Konau“ bei Braudel auf jeweils mehreren Hektar.

Häufiger ist Eichenverjüngung unter Kiefern anzutreffen. Hier können die vom Eichelhäher verbreiteten Eichen die nächste Waldgeneration bilden. Eine typische Sukzessionsabfolge der meist aus Heideaufforstungen entstandenen Kiefernwälder ist zunächst die Entwicklung einer Eichengeneration, die in der folgenden Generation wiederum von Buchenwald abgelöst wird. Die Eichen werden verdrängt und von einem bodensauren Buchenwald als sogenannte Schlusswaldgesellschaft abgelöst.
In den ausgedehnten Kiefernbeständen des Drawehn entwickeln sich an vielen Stellen Naturverjüngungen aus Trauben-Eichen. Sofern sie qualitativ eine forstlich nutzbare Entwicklung erwarten lassen, werden solche Naturverjüngungen durch Auflichtung der Kiefern begünstigt und können einmal die nächste Waldgeneration bilden.

Forstliche Bedeutung der Trauben-Eiche

Die Bedeutung der Trauben-Eiche für den Menschen hat sich über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt. Früher wurden heimische Ressourcen vielseitiger genutzt als heute – so auch die Eiche. Neben der schon beschriebenen Schweinemast im Herbst nutzte man die Rinde junger Eichen zum Gerben, das anfallende Holz als Brennholz und für weitere Zwecke. Eichenholz ist vielseitig verwendbar und Dank der Verkernung lange haltbar. Fässer, Fachwerkbalken, Zaunpfähle, Möbel und vieles mehr lassen sich aus Eichenholz herstellen. Auch für den Bau der Jeetzelkähne und für Eisenbahnschwellen war es gefragt.

Relativ neu ist die Verwendung als Furnierholz. Das langsam gewachsene, relativ weiche Holz der auf armem Boden gewachsenen Trauben-Eiche lässt sich gut zu dünnem Furnier schneiden. Auf diese Weise kann ein Eichenstamm zu vielen Quadratmetern Holzoberfläche auf Möbeln verarbeitet werden. Als Furnierholz sind nur besonders gleichmäßig gewachsene, astfreie Stämme geeignet. Gute Furniereichen können über 1000 € (> 500 € pro Festmeter) kosten. Nicht zuletzt die hohen forstlichen Ertragserwartungen sichern der Trauben-Eiche auch künftig einen wichtigen Platz im Baumartenspektrum unserer Wälder.

Interessierte finden den Beitrag inkl. aller Bilder nachstehend zum Herunterladen im PDF-Format

Literatur:
Kelm, H.-J. (2011): Baumbrütende Mauersegler Apus apus in der Göhrde, Landkreis
Lüchow-Dannenberg. Vogelkdl. Ber. Niedersachs. 42.
Kremser, W. u. H.-J. Otto (1974): Grundlagen für die langfristige, regionale waldbauliche Planung in den niedersächsischen Landesforsten. Aus dem Walde H. 20.
Otto, H.-J. (1989): Langfristige ökologische Waldbauplanung für die Niedersächsischen Landesforsten – Band 1. Aus dem Walde H. 42.
Prüser, J. (1969): Die Göhrde – Ein Beitrag zur Geschichte des Jagd- und Forstwesens in Niedersachsen. Hildesheim 1969.

Anschrift des Verfassers: Hans-Jürgen Kelm, Dannenberger Straße 7, 29484 Langendorf

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