Ein Baum aus der Göhrde

Eine Göhrder Eiche erzählt

Ich bin Eure Eiche

und stehe in Abteilung 218, nicht weit von dem Parkplatz an der B 216, hoch oben in der Göhrde. „Hohes Holtz“ hiess da hier früher, als die Göhrde noch in „Kabel“ eingeteilt war.
Selten hat mich in den letzten Jahrzehnten mal ein Förster angesehen. Doch nun - seit Februar 2014 - kommen die Leut' gelaufen - immer wieder - und betrachten mich, und ich soll aus meinem Leben erzählen und aus meiner Kindheit! Doch wer kann sich schon an seine frühen, seine ersten Jahre erinnern?!

Aber da gab es noch - bis vielleicht vor 150 Jahren - die alte krumme Eiche! Die erzählte manchmal …

Da sei in alten Zeiten ein Krieg gewesen- 30 Jahre lang- da wäre kaum noch Weidevieh hergekommen, das die Bauern sonst immer im Wald gehütet hatten. -Und Soldaten, die schiessen konnten, hätten Hirsche gewildert, obwohl der Jagdherr Wilderer aufhängen liess, wenn er sie erwischte !

Nach diesem Krieg liess der Herzog, August der Jüngere hiess er, seinen Wald wieder „zurechtemachen“. Dazu erliess er erst einmal eine Forstordnung, die bestimmte, dass dem Lande eine „immer währende beständige Holzung“ gesichert werden sollte.

Und besonders die Nachzucht von uns Eichen förderte er.
Wahrscheinlich liess er damals- so um 1660- das „Hohe Holtz“ in „Zuschlag“ legen, also mit Graben, Wall und Zaun schützen, um junges Holz nachzuziehen !

Diese Nachkriegszeit war günstig für die Waldverjüngung. Die Bauern hatten ihre Viehbestände noch nicht wieder aufgefüllt. Einige Höfe lagen auch noch wüst, d.h. waren ohne Bewohner. Und Wild gabs wenig, weil die Jagdherren das Wild „parforce“ jagden,- hoch zu Ross und mit einer Hundemeute!vUnd Wölfe gab's noch reichlich. -

Unsere Eltern, die „Masteichen“, blühten und fruchteten.
Ob ich in diesem Zuschlag als Saateiche oder Pflanzeiche oder Hähereiche aufgewachsen bin- oder gar als Heister gepflanzt wurde- ich weiss es nicht mehr.
Jedenfalls entwuchs ich den Mäulern des Weideviehs und den Äsern der Hirsche- und lernte, dass Eichen für die Jagd wichtig sind, wenn sie gute Mast liefern.
Die Jagd hatte damals Vorrecht vor den Holzrechten, und die Jäger schützten uns Eichen.

Aber auch die Förster sorgten bei uns für Wuchsraum, solange wir gesund waren. Ich war inzwischen 200 Jahre alt geworden.

Zu der Zeit wurden die Förster raffinierter- sie wollten schnell wachsendes Holz ! Lärchen und Schwarzkiefern und Weymouthskiefern holten sie aus allen Ecken der Welt. Bedsonders tüchtig war der Forstmeister Götz von Olenhusen. Der wollte noch unter unseren Eichenkronen Holz erziehen. Etwa um 1850 liess er Buchen in unserem Schatten pflanzen. Die sollten auch verhindern, dass sich bei uns am Stamm Wasserreiser bilden konnten.

Und direkt westlich neben mir hatte sich in einem Bestandsloch noch etwas Heidekraut gehalten.
Darauf pflanzte man dann Stroben, wie die Weymouthskiefern auch heissen. Das Holz der Strobe ist weich und leicht und es „arbeitet“ nicht, das heisst, es verzieht sich nicht, wenn es in Möbeln verbaut ist. Und diese Stroben wuchsen als meine direkten Nachbarn heran. Und sie wuchsen und sie wuchsen.
Und kein Förster hat sich darum geschert !

Vor etwa 60 Jahren begannen sie dann, meine westlichen und nördlichen Hauptäste auszudunkeln. - Na gut, die Eiche direkt südlich von mir hatte jemand gefällt- etwas Luft hatte ich noch! Aber seit 40 Jahren rauben mir die Stroben mehr und mehr das Licht ! Jetzt sind sie gut 2 Meter höher als ich ! Mir fehlt einfach Licht und Luft, um gut blühen und fruchten zu können ! Zu allem Pech hat mir vor einigen Jahren auch noch ein Sommersturm den mittleren Leitast rausgebrochen !
Ja, ich schwächele !-

Aber eins sage ich Euch:
Den grössten Nutzen hat der Eichenbaum,
wenn er im Walde steht-
und den geringsten, wenn er am Boden liegt!
Der Typ, der einige von meinen vorjährigen Blättern aufgesammelt und mitgenommen hat- dem fiel das auf:
Im Februar hatten meine Blätter schon deutliche Zersetzungserscheinungen, die könnten bald guter Laubwaldhumus werden ! Die Buchenblätter waren dagegen einfach nur trocken, wie Knüllpapier, die brauchen spürbar länger, um zu gutem Humus zu werden.

Doch ich merke es schon:
für Euch bin ich nicht mehr Baum-
für Euch bin ich schon Holz !

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